Die drei Gekreuzigten

Zum Karfreitag 2020


Am vergangenen Sonntag war Palmsonntag. Das hat ja nichts mit der Südsee und malerischen Palmstränden zu tun. Nein, es ist die Erinnerung an die Ankunft Jesu in Jerusalem. Damals schnitten die Menschen Palmzweige ab und legten sie auf die Straße und riefen: „Hosanna dem Sohn Davids.“ Schon wenige Tage später wurde dieser Sohn Davids vor den Hohen Rat gestellt und dann vom römischen Statthalter Pontius Pilatus zum Tode am Kreuz verurteilt. Welch ein krasser Gegensatz! Eben noch von allen bejubelt und gefeiert, hing Jesus nun am Kreuz, mitten zwischen zwei Schwerverbrechern. Über jedem Kreuz hing ein Schild, auf dem das Urteil für alle gut lesbar begründet war. Über den beiden Verbrechern hing wohl so etwas wie: Dieser hat einen Römer ermordet; oder: Dieser hat Hochverrat begangen. Das Urteil Jesu hingegen lautete: „Das ist Jesus von Nazareth, der König der Juden.“ 
Ein seltsames Urteil. Hatte nicht das Volk diesem König zugejubelt? „Hosanna dem Sohn Davids!“ Der Sohn Davids war der König, auf den alle gewartet hatten, ein mächtiger Herrscher, der das Volk Israel aus seiner Unterdrückung befreien sollte. Und alle dachten: Das ist er: Unser König, unser Messias. Nun hing er am Kreuz.


Wir hören auf Worte aus dem Lukas-Evangelium, Kapitel 23, 33-49:
33 Und als sie an den Ort kamen, der Schädelstätte genannt wird, kreuzigten sie dort ihn und die Übeltäter, den einen zur Rechten, den anderen zur Linken. 34 Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen! Denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie aber verteilten seine Kleider und warfen das Los darüber. 35 Und das Volk stand und sah zu; es höhnten aber auch die Obersten und sagten: Andere hat er gerettet. Er rette sich selbst, wenn dieser der Christus Gottes ist, der Auserwählte! 36 Aber auch die Soldaten verspotteten ihn, indem sie hinzutraten, ihm Essig brachten 37 und sagten: Wenn du der König der Juden bist, so rette dich selbst! 38 Es war aber auch eine Aufschrift über ihm in griechischen und lateinischen und hebräischen Buchstaben: Dieser ist der König der Juden. 39 Einer der gehenkten Übeltäter aber lästerte ihn: Bist du nicht der Christus? Rette dich selbst und uns! 40 Der andere aber antwortete und wies ihn zurecht und sprach: Auch du fürchtest Gott nicht, da du in demselben Gericht bist? 41 Und wir zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und er sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 da sich die Sonne verfinsterte; der Vorhang des Tempels aber riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist! Und als er dies gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was geschah, verherrlichte er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war gerecht. 48 Und all die Volksmengen, die zu diesem Schauspiel zusammengekommen waren, schlugen sich, als sie sahen, was geschehen war, an die Brust und kehrten zurück. 49 Aber alle seine Bekannten standen weitab, auch die Frauen, die ihm von Galiläa nachgefolgt waren, und sahen dies.

Das Volk hatte von einem königlichen Messias geträumt, der in göttlicher Vollmacht das Volk Israel zu neuem Ruhm und Heil führen würde. Jesus war in diesen Tagen der beste Kandidat für diese Hoffnung.
Als er nun am Kreuz hing, waren alle diese Träume ausgeträumt. Das Volk war enttäuscht und entrüstet: Wenn dieser Jesus sich einfach so gefangen nehmen und ans Kreuz schlagen ließ, konnte er gar nicht der Messias, der Retter Israels sein. Wie soll er Israel retten, wenn er sich nicht einmal selbst retten kann? Die Jubelrufe schlagen in höhnischen Spott um.
Dieser Spott wird Jesus durchaus getroffen haben. Denn das, was ihm da entgegen geworfen wurde, war ja im Grunde die Wahrheit.
Was sagten Sie noch gleich? „Wenn du der König der Juden bist, rette dich selbst.“ Und der eine Verbrecher sagte es auch: „Wenn Du der Christus bist, dann…“ Jesus ist ja tatsächlich der Christus, der Auserwählte, der König der Juden.
Ich glaube, dass diese Worte die letzte große Versuchung für Jesus waren. Eine Versuchung, die wohl noch größer war als die Versuchung Jesu in der Wüste. Schon dort, am Anfang seines Wirkens, wurde Jesus vom Teufel mit ganz ähnlichen Worten auf die Probe gestellt: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann…“
Damals hatte Jesus der Versuchung widerstanden. Aber damals musste er auch nicht dem unmittelbaren Tod ins Auge sehen. Sicher: Er war hungrig gewesen und ausgezehrt von der radikalen Fastenzeit in der Wüste, aber er musste nicht sterben. Nun hing er unter entsetzlichen Qualen am Kreuz und kämpfte gegen den Erstickungstod. Die Kreuzigung war damals die entsetzlichste Art der Hinrichtung, die nur Schwerverbrecher erleiden durften. Und jetzt wieder: „Wenn du der Christus bist, dann…“

Ja, was dann? Dann rette dich selbst. Ein gekreuzigter Messias passte nie und nimmer zu den Vorstellungen der Menschen. Wenn Jesus doch nur ihren Erwartungen entsprochen hätte – dann wären ihm noch viel mehr voller Überzeugung nachgefolgt. Er wäre gewiss ein gerechter und mächtiger Herrscher geworden, und mit seiner göttlichen Weisheit und dem einen oder anderen Wunder hätte er alle Probleme beseitigen können. Die Worte des Teufels klingen noch in den Ohren: „Ich will dir alle Reiche der Welt geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ (Mt 4,9)
Die Versuchung, ein solcher Messias zu sein, ist nicht von der Hand zu weisen.

Vielleicht erwarten wir heute auch so etwas von Jesus: dass er unsere Welt in Ordnung bringt, dass er alles Böse beseitigt und Gottes gute Herrschaft über die Menschen aufrichtet. Und da schleichen sich bei uns auch die leisen Anklagen in unseren Glauben: „Jesus, was ist jetzt mit der Corona-Krise? Wenn du doch der Christus bist, warum änderst du nichts daran? Warum lässt du diese schwere Zeit zu? Warum hilfst du uns nicht zu einer besseren Welt? Zeige doch deine Wundermacht, dann würden doch viel mehr Menschen an dich glauben!“ Und so manche „Erweckungshoffnung“ schleicht sich durch die Gebete, die hier und da gesprochen werden.
Diese Gedanken mögen die Menschen damals auch gehabt haben: Wenn er sich jetzt als der Messias beweist und von Kreuz herunter steigt, dann bin ich dabei!
Aber was wäre denn gewesen, wenn Jesus das tatsächlich getan hätte?
Er hätte die Welt wunderbar regieren können, er wäre tatsächlich der großartige König geworden, auf den sie alle gewartet hatten. Aber eines wäre niemals geschehen: Die Herzen der Menschen hätten sich gerade nicht geändert. Die Sünde hätte weiter in allen Menschen geherrscht. Vielleicht versteckter, subtiler, aber dafür um so mächtiger. Die Trennung zwischen dem heiligen Gott und dem sündigen Menschen – sie wäre nicht überwunden gewesen, sondern weiter in Kraft.
Diese Versuchung, ein rein irdischer Messias zu sein, tritt jetzt unbarmherzig an Jesus heran. Im Lukas-Evangelium wird uns berichtet, dass sogar der Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt war, spottete: Rette dich selbst und uns. Auch er erwartete von dem Messias ein Wunder, aber doch bitte keinen Tod am Kreuz. Der zweite Verbrecher antwortet darauf und denkt ganz anders. Ich möchte nun kurz an diesen beiden Verbrechern einmal zeigen, was Gott durch Jesu Tod am Kreuz getan hat.
Der erste Verbrecher verspottet Jesus mit fast den gleichen Worten, wie auch zuvor die Obersten und die Soldaten. „Wenn du der Messias bist, rette dich und uns.“ Er erwartet von Jesus nichts anderes als viele andere auch: Der Messias soll ein irdischer König sein, der das Volk Israel von der Knechtschaft der Römer befreit. Wer weiß, vielleicht hatte dieser Mensch sogar als Rebell gegen die Römer gekämpft. Wie auch immer: Er war tatsächlich ein verurteilter Verbrecher. Aus seinen Worten hört man auch keine Reue. Vielmehr fordert er von Jesus, dass er ihn vor dem entsetzlichen Kreuzestod rettet. An diesem Verbrecher wird deutlich, dass Jesus als ein irdischer Messias zwar viele Menschen hinter sich gehabt hätte, aber die Herzen dieser Menschen hätte er damit nicht verändern können.
Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns auch oft einen Jesus wünschen, der unsere Probleme löst, aber möglichst ohne dass wir selbst uns verändern müssen. An dieser Meinung halten sich viele Menschen fest und sagen: Ich würde ja an Gott glauben – wenn er meine dringendsten Probleme löst. Und manche Christen sind sogar nur deshalb Christen geworden, weil sie von Jesus die Lösung ihrer wesentlichen Probleme erwarten. Das führt früher oder später zu einer herben Enttäuschung. Jesus ist nicht gekommen, um unsere irdischen Probleme je nach Bedarf aufzulösen.
Der andere Verbrecher aber denkt ganz anders von Jesus. Und er hat einen andere Vorstellung von dem Messias als die breite Masse. Im Gegensatz zu dem ersten glaubt dieser hier, dass Jesus tatsächlich der Messias ist. Und er lässt sich auch nicht durch den Tod Jesu von seiner Hoffnung abbringen. In seinen Worten merken wir, dass er in Jesus den Retter sieht, und zwar den ewigen Retter, nicht den irdischen Problemlöser. Er weiß, dass er selbst zu recht am Kreuz hängt. Aber von Jesus sagt er: Dieser Jesus hat nichts Unrechtes getan. In dieser ganzen Szene auf Golgatha ist dieser Mann der einzige, der sagt: „Ich bin schuldig, und Jesus ist unschuldig.“ Dieser Verbrecher bekennt sich zu seiner Sünde und glaubt, dass Jesus der Schlüssel zu einer ewigen Beziehung mit Gott ist. Und so sagt er: „Denke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ 
Jesus, der die ganze Zeit geschwiegen hat und auf keinen Spott eine Antwort gab, merkt plötzlich auf und antwortet diesem Mann: „Wahrlich, ich sage dir: Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein!“ Der Verbrecher, der Gott nichts mehr vormachen kann, der keine gute Tat mehr tun kann, um sein Leben vor Gott gerade zu rücken, wird vom Sohn Gottes begnadigt. Allein wegen seines Vertrauens auf den gekreuzigten Messias wird diesem Mann seine Schuld vergeben. 
Jesus will das Reich Gottes nicht mit Gewalt aufbauen, sondern er möchte uns von innen her verändern. Er will eben nicht sich selbst retten, sondern er will uns aus unserer sprichwörtlichen Gottverlassenheit retten.

Jesus hat der Versuchung widerstanden, „für sich selbst“ zu handeln und vom Kreuz herabzusteigen. Er wußte, was auf dem Spiel steht. Schon den Abend zuvor hatte er innerlich schwer darum gekämpft, zu diesem Weg wirklich „ja“ zu sagen. Er hat ganz auf sein eigenes Überleben verzichtet. Er hat darauf verzichtet, seine Herrschaft mit übermenschlicher Gewalt durchzusetzen. Statt dessen hat er ein geistliches Königreich aufgerichtet. Dieses Königreich besteht aus Menschen, die auf seine Gnade vertrauen. Es besteht aus veränderten Herzen. Der Verbrecher am Kreuz war einer der ersten, die zu diesem Reich gehörten. Aber viele stoßen sich daran, auch heute noch: Der Gekreuzigte wird nicht zuerst die Welt in Ordnung bringen, sondern er wird zuerst unsere Herzen in Ordnung bringen. Und Menschen mit veränderten Herzen werden dann gemeinsam mit ihm die Welt in Ordnung bringen.
Kurz vor seinem Tod betete er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Die Menschen, die für seinen Tod verantwortlich waren, waren verblendet. Sie konnten nicht sehen, dass er tatsächlich der Messias war. Sie stellten sich den Messias anders vor. Doch trotzdem liebte er sie bis zum letzten Atemzug. Und weil er sie liebte, bat er für sie um Vergebung. 
Jesus Christus ist nicht gekommen, um die Menschen von oben herab zu regieren und zu richten, sondern um unser Herz zu verwandeln. Er ist die Liebe Gottes in Person. Darum nimmt er unser Leben und Sterben auf sich. Er nimmt unsere Trennung von Gott mit in den Tod und hebt sie dadurch komplett auf. Mit ihm stirbt unsere Sünde. Nicht für sich selbst ist er gestorben, nicht für ein irdisches Reich, dessen König er hätte sein können. Nein! Er ist für uns gestorben, um unser Herz in Ordnung zu bringen, um uns mit Gott zu versöhnen. Jesus ist der Messias, der Retter, der seine Herrschaft aufrichtet, indem er uns ein neues Herz gibt.
Die größte Versuchung für Jesus war wohl der Spott der Menschen: Rette dich selbst. Aber das hat er eben nicht gemacht. Nicht sich selbst hat er gerettet, sondern uns hat er gerettet.

Jesus lebte nicht für sich. Er stieg auch nicht für sich selbst vom Kreuz, um sein Reich aufzurichten, sondern er lebte und starb für uns. Für mich und für Dich.
Vielleicht sehnen wir uns an diesem Osterwochenende im Jahr 2020 tatsächlich mehr als je zuvor danach, dass Gott direkt in die Geschehnisse dieser Welt eingreift: Dass er die Coronakrise überwindet, Menschen vor dem Tod rettet und uns von der bedrückenden Sorge um die Zukunft erlöst.
Aber Gottes Reich funktioniert nicht so, dass wir erst alles in Ordnung bringen müssen, damit es kommen kann. Im Gegenteil. Sein Reich ist mitten in der Krise da. Im Zweifel, in der Anfechtung und in der Angst vor dem Tod.
Es gibt kein Ostern ohne Karfreitag – und es gibt keine Auferstehung ohne den Tod. Wenn wir uns am Sonntag gegenseitig mit dem Ostergruß daran erinnern, dass Jesus auferstanden ist, dann lasst uns das tun in der Hoffnung, dass auch diese Krise ein Ende haben wird, und dass Gottes Zukunft eine größere Zukunft ist als nur die Wiederherstellung der alten Verhältnisse. „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Lasst uns mit dieser Hoffnung dieses Ostern Gott anbefehlen, und möge er es auf seine Art zu einem Fest der Freude und des Lebens machen.

Amen.