Stadtführung in Jerusalem

Guten Tag! Schön, euch kennenzulernen. Was? – ihr seid das erste Mal hier? Das erste Mal in Jerusalem? Das trifft sich ja hervorragend! Darf ich mich vorstellen? Ben Kirja mein Name (ein Sohn der Stadt). Wenn ihr einen guten Reiseführer sucht, seid ihr bei mir genau an der richtigen Adresse.

Es ist doch schön, wenn man wieder mal verreisen kann. Raus aus dem Alltag und der vertrauten Umgebung. Hinein ins Abenteuer und ins Vergnügen. Oder auf zu neuen Horizonten; mal was Neues hören. Oder sucht ihr vielleicht spirituelle Erlebnisse? Das haben wir auch zu bieten. Ich glaube, daß dieses Laubhüttenfest für Euch genau das Richtige ist. Mal etwas anderes als Karneval in Rio oder Oktoberfest in München.

Vor ein paar Jahren war allerdings noch viel mehr los in dieser Gegend. Da habt ihr vielleicht was verpaßt! Na ja, man kann ja nicht überall sein. Aber wenn ihr wollt, kann ich ja ein wenig von damals erzählen. Wollt ihr die Geschichte von damals hören? Kein Problem. Dafür bin ich ja da! Setzt euch ruhig. Fühlt euch wie zu Hause. Es waren seltsame Ereignisse, die sich dort zugetragen haben. Und ich selbst habe dort viele neue Dinge gelernt. Das ist ziemlich außergewöhnlich für so einen alten Hasen wie mich.

Es war vor genau elf Jahren, als ich wie heute auf dem Laubhüttenfest war. Genauer gesagt: Es war der erste Morgen nach dem Laubhüttenfest. Die sieben hohen Festtage waren bereits vorüber. Aber natürlich waren noch sehr viele Leute in Jerusalem geblieben.

Dazu gab es auch allen Grund, denn in den letzten Tagen des Festes hatte es Tumulte gegeben um diesen einen Mann. Sein Name war Jesus. Er kam aus Nazareth. Ein Galiläer. Er hatte etwas an sich, was mich faszinierte. Seine Art zu reden und wie er den Leuten begegnete, das war schon erstaunlich. Er zog die Menschen an. Groß und klein, alle wollten ihn auf diesem Fest wenigstens einmal gesehen und gehört haben. Und wenn sie ihn gehört hatten, wollten sie ihn wieder hören. Von Tag zu Tag wurden es mehr Menschen, die zu ihm kamen.

Einigen paßte das gar nicht: Den Pharisäern und den Priestern. Die fühlten sich wohl in ihrer Autorität angegriffen, weil dieser Jesus sich besser in den Schriften auskannte als sie. Oder vielleicht war es, weil einige sagten, daß Jesus der Messias ist? Nun, darüber war sich die Leute nicht ganz einig. Die meisten hielten ihn für einen großen Lehrer oder vielleicht einen Propheten. Aber der hohe Rat warnte vor ihm. Die religiöse Elite bezeichnete ihn als einen Volksverhetzer und Sektierer.

Ich wollte es genau wissen. Also habe ich auch zugehört. Meistens kam ich zu spät, und die besten Plätze waren immer schon weg. A lso sagte ich zu mir: „Morgen stehst du ganz früh auf und gehst gleich in den Tempel. Vielleicht ist Jesus ja nach dem Fest immer noch dort. Und dann hast du einen guten Platz zum Zuhören“.

Ich also morgens in aller Frühe raus aus dem Bett und rein in den Tempel. In der Luft schwebte noch der Geruch der Brandopfer vom großen Festtag. Dort sehe ich schon eine ganze Menge Leute bei einander stehen. Es wird gedrängelt und geschubst. Und tatsächlich: In der Mitte sitzt Jesus bereits auf dem Boden und spricht zu den Menschen. Bei uns macht man das so, dass sich der Lehrer immer auf den Boden setzt.

Als ich mich endlich nach vorne durchgearbeitet habe, entsteht ein kleiner Tumult auf der anderen Seite: Eine Frau schreit und weint. Raue Männerstimmen herrschen sie an. Jesus hört auf zu reden und blickt auf.

Ein Spalier öffnet sich in der Menschenmenge und eine Gruppe von Männern schreitet zielbewusst auf ihn zu. Ein paar von ihnen zerren die Frau mit sich. Sie beschimpfen sie und hören sich dabei sehr ernst an. In den Augen der Frau kann ich wütende Tränen erkennen. Eine drückende Angst scheint sie befallen zu haben.

Hey, die kenne ich doch irgendwoher. Habe ich nicht neulich dieses Gerücht gehört? Unsanft wird sie in die Mitte geschubst. Einige mustern die Frau aus dem Augenwinkel heraus.

Einer der Männer tritt vor Jesus hin und schaut ihn von oben nach unten an. Man kann an den Quasten und seinen Gebetsriemen erkennen, daß er zur Partei der Pharisäer gehört. Hinter ihm sammeln sich einige aus seinem Gefolge, ebenfalls Pharisäer und angesehene Persönlichkeiten.

Ein süffisantes Lächeln gleitet über sein Gesicht, als Jesus zu ihm aufschaut. „Lehrer!“, sagt er zu Jesus und tritt ein wenig beiseite. Jesus blickt auf die Frau, die inmitten der Leute steht.
„Lehrer, diese Frau wurde auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt; Im Gesetz hat uns Mose geboten, solche zu steinigen.“ (kunstvolle Pause). „Nun, was sagst Du?“

Ich wusste es doch! Diese Frau hat doch keine weiße Weste! In dem ganzen Stadtteil reden die Leute schon über sie. Jetzt ist es also tatsächlich rausgekommen. Na, das kann böse ausgehen. Obwohl, das ist schon so eine Sache mit dem Steinigen. Früher passierte es öfters einmal, daß jemand gesteinigt wurde. Besonders natürlich, wenn jemand mal wieder ein Exempel statuieren wollte. Oder wenn es jemand wirklich zu weit getrieben hatte.

Aber heute ist es ja viel schwieriger, jemanden auf diese Weise zu bestrafen. Seit die Römer das Land besetzt halten, darf keiner außer ihnen mehr ein Todesurteil fällen geschweige denn, es vollstrecken. Seitdem sind auch diese öffentlichen Steinigungen selten geworden. Wer so etwas heute noch wagt, muß damit rechnen, selbst einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Ja, heimlich draußen vor der Stadt, da passiert das schon noch, aber hier mitten im Tempel, in aller Öffentlichkeit? Das würden sie doch niemals wagen.

Tja, das ist schon eine schwierige Frage, die dieser Pharisäer da an Jesus stellte. Ich war selbst unheimlich gespannt, wie es weiter geht. Es kam ja schon einmal vor, daß Jesus von den Pharisäern vor solch eine schwere Entscheidung gestellt wurde. Aber er war nie um eine Antwort verlegen. Bisher hatte er in solchen theologischen Streitfragen immer einen Trumpf mehr in der Hand.

Aber diesmal: Eine schwere Nuss hat er da zu knacken. Entweder er gibt den Pharisäern recht und verurteilt die Frau. Aber dann werden sie ihn sicher bei den Römern anzeigen. Todesurteile darf nur der Statthalter aussprechen. Da hätte Jesus echt Ärger bekommen. Jeder weiß, dass die Pharisäer ihn am liebsten beseitigen wollen. Schließlich macht er ihnen die theologische Glaubwürdigkeit streitig.
Oder… wenn er sich aus der Affäre heraus zu winden versucht. Das wäre ja schlau! Wenn er die heiligen Schriften vernachlässigt, dann hat er seine Glaubwürdigkeit verloren. Dann werden sie alle mit dem Finger auf ihn zeigen, und er wäre sicherlich ganz schnell aus der Gunst des Volkes gefallen. Sehr schlau eingefädelt, sehr schlau.

Und stellt euch vor, was er gemacht hat!
Nichts, rein gar nichts. Da beugt sich Jesus ein bißchen vor und scheint vor sich hin zu träumen. Keine Antwort. Vielleicht ist er verlegen? Er malt verlegen mit dem Finger im Staub herum, wie ein kleines Kind, das nicht mehr weiter weiß. Alle schauen ihn an. Jeder wartet auf eine Antwort. Keine Antwort.

Der Sprecher der Pharisäer fragt ihn ein weiteres Mal: „Na? Was ist los? Was hast Du zu sagen, Jesus von Nazareth?“ Einige andere fangen auch an, in ihre Bärte hinein zu murmeln. Die Frau schaut mit angsterfüllten Augen auf Jesus. Von Jesu Worten hängt ihr Schicksal ab.

Jesus schaut hoch. Er blickt den Leuten tief in die Augen. Schließlich beginnt er zu reden. Sofort wird es mucksmäuschenstill in der Menge: „Der von euch, der ohne Sünde ist, der soll zuerst einen Stein auf sie werfen!“ Jesus blickt wieder auf den Boden und fährt mit dem Finger im Staub entlang.

Das hat gesessen! Ich bin da ganz, ganz klein geworden. Ich weiß, ich habe auch keine lupenreine weiße Weste. Na ja, was soll man von so einem bunten Hund wie mir auch erwarten. Aber trotzdem habe ich gedacht: Na gut! Ich will sie ja auch nicht gleich steinigen. Aber einer von den ehrwürdigen alten Leuten wird jetzt wohl gleich den Anfang machen. Die sind doch alle ganz fromm.

Aber stellt euch mal vor: Gerade einige der Ältesten gingen mit tief gesenktem Blick fort. Die, von denen ich meinte, daß sie den Anfang machen würden, verließen zuerst den Platz. Ich war ganz baff. Langsam lichtete sich die Menge. Immer mehr Leute gingen fort. Am Schluss war kein einziger Pharisäer mehr da.

Mensch, da habe ich noch lange drüber nachgedacht. Wieso gingen ausgerechnet diese frommen Menschen weg? Wisst ihr, ein Freund von mir ist auch Schriftgelehrter. Der kennt sich richtig gut in der Bibel aus. Er war damals auch dabei, und er hat gesagt: Weißt du – ich glaube, Jesus hat nicht einfach nur in den Sand gemalt. Im Propheten Jeremia (17,13) spricht Gott nämlich: „Die Namen der Sünder werden auf die Erde geschrieben.“

Moment mal: Da hatte Jesus doch vorher mit dem Finger im Staub gemalt. Oder hatte er geschrieben? Wer weiß… vielleicht hat er dort einige Namen in die Erde geschrieben. Vielleicht auch meinen? Nun, das weiß ich nicht, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß die Ältesten der Pharisäer genau wußten, was Jesus dort tat. Wenn sich jemand in den Schriften auskennt, dann sie. Vielleicht haben sie dort ihre Namen gelesen? Hm…

Aber wer hätte denn dann überhaupt das Recht, jemals einen Stein zu werfen? Wer hätte jemals das Recht, einen anderen Menschen wegen dessen Schuld zu verurteilen? Ich habe noch keinen kennengelernt, der nicht einige dunkle Stellen in seinem Leben hat. Das heißt… doch! Einen gibt es, von dem ich nichts Böses weiß: Jesus. Er war der einzige dort, der einen Stein hätte werfen dürfen. Und ausgerechnet ihn haben sie später ans Kreuz genagelt Ja, er ist gekreuzigt worden. Da gäbe es noch viel zu erzählen, sage ich euch…

Aber wie ging die Geschichte denn weiter? Nun, die Frau blieb dort stehen. Ihre Ankläger waren alle verschwunden. Aber aus irgendeinem Grund blieb sie dort stehen. Als der letzte gegangen war, schaute Jesus auf. Das letzte Urteil stand noch aus. Was würde wohl Jesus jetzt zu der Frau sagen? Schuldig oder nicht schuldig? Er hätte den Stein werfen können. Jesus blickte die Frau an: „Frau, wo sind sie? Hat Dich keiner verurteilt?“
Und sie antwortete ihm: „Keiner, Herr.“

Es war tatsächlich keiner mehr da, der ein Wort der Anklage hätte sagen können. Die Frau stand ganz alleine in der Mitte, ohne Ankläger. Ha, eigentlich hätten doch diese Pharisäer jetzt vor Jesus stehen müssen. Hatten sie nicht alle bewiesen, dass keiner von ihnen ohne Sünde war? Kein einziger hatte sich getraut, einen Stein anzufassen.
Wenn keiner von ihnen ohne Sünde war, dann… ja, was hätte Jesus wohl zu ihnen gesagt, wenn sie jetzt so vor ihm gestanden hätten? Ha, ich frage mich, wie sie das überhaupt geschafft hatten, die Frau auf frischer Tat beim Ehebruch zu ertappen. Ich meine ja nur…
Man munkelt ja, dass manche von den feinen Herren sich in gewissen Grauzonen bewegen. Da ist auch nicht alles so sauber, wie es aussieht. Tja, was hätte Jesus ihnen wohl gesagt?

Was hätte er wohl zu mir gesagt, wenn ich da gestanden hätte? Tja, mit dem Finger auf andere zeigen, das konnte ich sehr gut. Aber wenn ich ehrlich bin, so ein paar mal war ich schon froh, dass mich keiner erwischt hat. Ich habe vieles getan, was ich heute bereue. Ich schämte mich. Ich wäre doch einer der ersten gewesen, der einen Stein genommen und mitgemacht hätte. Und jetzt? Jetzt stand ich versteinert vor meiner eigenen Schuld.

Wenn keiner ohne Sünde ist, wer kann dann noch vor Gott gerade stehen? Die Frau ist stehen geblieben. Ehrlich gesagt: Das hat mir tief imponiert. Sie wußte genau, daß ihr Leben an einem seidenen Faden hing. Aber sie hatte nichts mehr zu verbergen. Die Pharisäer hatten ihren Ehebruch ja vor all den Leuten publik gemacht. Sie hatten mit dem Finger auf sie gezeigt. Aber sie hat sich nicht schnell aus dem Staub gemacht, sondern sie ist einfach vor Jesus stehen geblieben.

Ich werde nie die Worte vergessen, die Jesus dann sagte: „Ich verurteile Dich auch nicht; Geh und sündige von nun an nicht mehr.“
Was für ein toller Typ, dieser Jesus. Er wusste genau, dass die Pharisäer knallharte Beweise gehabt hätten. Aber trotzdem kein einziges böses Wort.
Erleichtert atmete die Frau auf. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Und in ihren Augen konnte ich wieder ein paar Tränen erkennen, aber diesmal waren es Freudentränen. So viel Freundlichkeit und Güte hatte ihr noch kein Mann vorher gezeigt.

Mir saß immer noch ein dicker Kloß im Hals. Jesus hätte wohl als einziger das Recht gehabt, der Frau die Leviten zu lesen. Aber genau das tat er eben nicht. Er gab ihr eine neue Chance.
Als ich das hörte, wusste ich, dass Jesus auch mir eine weitere Chance geben würde. Und im gleichen Moment war mir eines sonnenklar. Ich wollte auch einen neuen Anfang machen mit Gott. Das war meine Chance.
Ich habe mir etwas vorgenommen: Ich will anderen Menschen immer eine neue Chance geben. Denn Gott hat mir auch eine neue Chance gegeben.

Na ja, ich weiß, dass es nicht immer ganz leicht ist, nicht wahr? Ich ärgere mich ja auch, wenn andere mir Probleme machen. Zum Beispiel die Römer hier in der Stadt… die sind ja so rotzfrech geworden in den letzten Jahren. Aber wenn ich daran denke, was Jesus damals sagte, dann kann ich nicht anders. Wisst ihr: Gott hat mir so viel vergeben. Warum sollte ich andere Menschen verurteilen?

Oder mein Onkel, der oben im Norden wohnt: Er hat sich einmal meinen Esel „ausgeliehen“. Nun, ich weiß nicht, was er unter „Ausleihen“ versteht. Auf jeden Fall kam er damals von Jericho ohne Esel zurück. Ich habe Gerüchte gehört, er hätte ihn verkauft und das Geld in der nächsten Kneipe an irgendeinen Typen verschenkt, den er unterwegs verletzt aufgesammelt hat. Ich war ganz schön sauer! Ein ernstes Wörtchen habe ich mit ihm geredet, aber dann fiel mir die Sache mit Jesus wieder ein. Und ich dachte: Okay, ich sollte vielleicht aufhören, mit Steinen nach ihm zu werfen. Es ist mir zwar schwer gefallen, aber er hat meinen neuen Esel letzte Woche wieder ausgeliehen bekommen.

Tja, was Jesus gesagt hat, hat mein Leben ziemlich auf den Kopf gestellt.
Jedenfalls habe ich aufgehört, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich glaube, vor Gott ist es richtiger, wenn ich bei mir selbst anfange. Und ich habe gelernt, dass Gott keine Steine auf uns wirft.

Wie ist das bei euch? Warum seid ihr nach Jerusalem gekommen? Wollt ihr die Stadt genießen? Oder den Tempel bestaunen? Seid ihr nur hier, weil die Familie unbedingt mal einen Ausflug machen wollte?
Vielleicht begegnet ihr hier tatsächlich Gott. Aber ganz gleich, wie ihr euch das vorstellt: Wenn ihr Jesus begegnet, dann rennt nicht weg, sondern bleibt vor ihm stehen. Er hat etwas zu sagen, und es wird euer Leben auf den Kopf stellen. – Macht’s gut!