Vier Ebenen der Nachfolge

Vier Ebenen der Nachfolge

Ich habe vor kurzem über den Epheserbrief gepredigt. Da ging es um die Frage, was eigentlich der Unterschied zwischen „christlich“ und „Christus“ ist. Der Kerngedanke war, dass christliches Leben keine Sammlung von systematischen Lehren und spirituellen Weisheiten ist, sondern dass christliches Leben aus einer tiefen Begegnung mit Christus heraus entsteht. Das ist eine Begegnung mit der Liebe Gottes, die uns individuell unterschiedlich erreichen kann, aber unwiderstehlich ist.

Heute möchte ich daran anknüpfen, und wir wollen versuchen, einen Schritt weiter zu denken. Ich frage mich: Was passiert denn nun eigentlich, wenn du der Liebe Gottes begegnet bist? Ist das nur ein plötzliches Ereignis? So wie ein Besuch im Kino, und man schaut sich einen großartigen Film an, der einen tief bewegt und begeistert. Und dann gehst du aus dem Kino raus, und Du hast zwei Wochen lang kein anderes Thema als diesen Film. Und du sagst allen: „Der ist so klasse – da musst du unbedingt auch reingehen!“

Aber nach drei Wochen hörst du langsam auf, darüber zu reden. So ab und zu kommt das Thema nochmal drauf, und nach einem Jahr erinnerst du dich vielleicht nochmal an den Film, aber irgendwann gerät er auch ein wenig in Vergessenheit.

Für manche Christen fühlt sich das Leben mit Jesus so an: Da ist diese großartige erste Begegnung mit Jesus, und man hat vielleicht nicht nur zwei Wochen, sondern sechs Monate lang kein anderes Thema. Aber irgendwann verfliegt diese erste Begeisterung, und vielleicht erinnerst man sich noch ein wenig daran. Und irgendwann wird es Alltag und Erinnerung, und was dann?

Seit einigen Jahren gibt es in der frommen Welt ein großes neues Thema: Die Frage: Wie kann ich weiterglauben, wenn diese erste große Begeisterung nur noch Erinnerung ist, und ich merke: Das reicht nicht – das allein trägt mich nicht mehr.

Jetzt wird vielleicht jede Frau und jeder Mann, die schon lange gläubige Christen sind, sagen: Ja, Moment! Es ist ja klar, dass das nicht reicht. Natürlich musst du auch mit Jesus leben! Nicht nur einmal, sondern jeden Tag. Und ihm nachfolgen und beten und Bibel lesen und in eine Gemeinde gehen und dranbleiben und so weiter.

Ja, das stimmt. Natürlich ist der Glaube kein Kinofilm, den man nur einmal ansieht und sich dann nur noch daran erinnert. Glaube will gelebt werden. Und trotzdem passiert es auch gerade Christen, die viele Jahre lang den Glauben gelebt haben, dass sie in der Nachfolge Jesu an Bruchlinien kommen, wo es eben nicht einfach so weiter geht.

An solchen Bruchlinien werden wir gezwungen, innezuhalten und das Christsein neu zu überdenken. Was heißt nun „Nachfolge Jesu Christi“? Was heißt Glauben? Was heißt: Weiterglauben?

Wenn wir in die Bibel hinein sehen, dann finden wir bei vielen wichtigen Figuren der biblischen Geschichten solche Bruchlinien. Vielleicht ist das schon mal die wichtigste Entdeckung, dass diese Erfahrung nichts Außergewöhnliches ist. Wir sind darin nicht die einzigen, und wir sind darin nicht alleine. Ob das nun Figuren aus dem ersten Teil der Bibel sind wie Abraham, Josef, Mose, Rut, Elia oder Jeremia oder ob es die Jesusjünger sind wie Thomas, Petrus, Maria: Überall tauchen diese Bruchlinien auf. Sie gehören offensichtlich irgendwie dazu.

An diesen Bruchlinien aber geschieht es, dass wir Gott oft neu begegnen. Wenn wir in eine Krise geraten und unsere Seelen aufgewühlt sind oder desillusioniert oder einfach kaputt und traurig. Ich weiß nicht, ob wir alle die derzeitige Corona-Krise als so eine gemeinschaftliche Bruchlinie empfinden. Ich fühle mich da relativ gelassen und trotz allem geborgen. Aber das geht vielleicht nicht allen so. Auf jeden Fall bietet diese Krise viele Möglichkeiten, neu über den Glauben nachzudenken. Die „verordnete Stille“ hat trotz aller Unannehmlichkeiten und trotz des traurigen Anlasses auch ihre guten Seiten.

Als Leitvers für meine Gedanken heute möchte ich das prägnante Wort von Jesus voranstellen: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,28-30)

Jesus lädt mit diesen Worten gerade diejenigen in seine Nachfolge ein, die sich dazu eigentlich gar nicht in der Lage sehen. Nicht nur die Starken, die sagen: Ich schaff das! Und auch nicht nur die seelisch Ausgeglichenen, Gelassenen und Vernünftigen, die das alles schon richtig hinbekommen. Nicht nur für die mit einem starken „seelischen Immunsystem“. Nein – Nachfolge ist ausdrücklich für jeden Menschen, und ausdrücklich auch gerade für diejenigen, die schon gestrauchelt und gestolpert sind, weil die Last zu schwer war, und die in ihren Gedanken und Gefühlen nur noch Chaos haben.

Ich möchte Nachfolge dabei nun auf mehreren Ebenen betrachten.

Der offizielle Predigttext für den letzten Sonntag (15.3.) stand ja bei Lukas 9, ab Vers 57-62 Auch den möchte ich hier noch einmal betrachten. Ich werde nicht auf alles eingehen, aber er ist eine wichtige Grundlage für unser Thema:

Luk 9,57   Es geschah aber, als sie auf dem Weg dahinzogen, sprach einer zu ihm: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst, Herr.  58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.  59 Er sprach aber zu einem anderen: Folge mir nach! Der aber sprach: Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben.  60 Jesus aber sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.  61 Es sprach aber auch ein anderer: Ich will dir nachfolgen, Herr; zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die in meinem Hause sind.  62 Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes. 

Nachfolge geschieht immer auf mehreren Ebenen. Es sind nicht Schritte, die man hintereinander geht, sondern die ineinander greifen und die oft wieder und wieder gegangen werden müssen. Manchmal wird Nachfolge vereinfachend dargestellt. Da gibt es ein Leben vor der Begegnung mit Jesus, und dann wird man gläubig und folgt Jesus nach. Vorher – nachher. Der alte Mensch und der neue Mensch. Und dazwischen eine Bekehrung, wo man den alten Menschen ablegt wie ein altes Kleid und den neuen anzieht.

Ja – für alle diese Gedanken finden sich natürlich wichtige Bibelstellen. Aber das heißt nicht, dass wir sie uns wie die Rosinen aus dem Kuchen picken dürfen. Und unsere Erfahrung sagt uns doch auch: Nein, ganz so einfach ist es eben nicht. Wir können unser Leben nicht so simpel einteilen in ein dunkles, sinnloses Leben vor Jesus – und ein strahlend helles und kraftvolles Leben, nachdem wir Jesus endlich begegnet sind. Das würden auch die Wenigstens überhaupt so zugespitzt sagen. (Ich überzeichne jetzt natürlich). Aber in unsere Köpfen kommt dieses Denken dann doch immer wieder mal an die Oberfläche. Ist Nachfolge so einfach? – Nein, ist sie natürlich nicht.

Die Wahrheit ist wie immer komplizierter. Sie ist nicht ganz so handlich und ist nicht so leicht zu schlucken. Der heutige Predigttext ist auch kein einfacher Text. Jesus sagt nicht: „Folge mir nach, und alles wird gut.“ Das macht er ja nun nicht. Stattdessen fordert er die Menschen heraus zu einem Leben voller Fragezeichen und Unbequemlichkeiten.

All das geschieht auf mehreren Ebenen. Ich glaube, es ist immer gut, bevor wir uns irgendwelche Details anschauen, mal einen Blick für das Ganze zu bekommen. Jeder von uns steckt in seinem Leben gerade in ganz speziellen Umständen und Fragen. Je nach Geschlecht, Lebensalter, beruflicher und familiärer Situation und so weiter. In allen diesen Details wirkt sich Nachfolge aus. Und zu ganz vielen dieser Fragen gibt es auch hervorragende Ideen, wie Christen leben können. Nachfolge kann sich in diesen Details verlieren. Und manchmal streiten wir uns auch um diese Details und sind da ganz unterschiedlicher Ansicht. Darum soll es heute nicht gehen. Mir geht es heute darum, dass wir ein Gespür dafür bekommen, an welchen Stellen in unserem Leben Nachfolge ansetzt. Es ist nicht nur eine Stelle, nicht nur ein Schritt vom alten zum neuen Leben, sondern es sind unterschiedliche Prozesse, die da miteinander ablaufen und manchmal auch nacheinander und manchmal auch durcheinander.

Jesus rief Menschen zu sich. Er rief sie mitten in ihrem alten Leben, und er rief sie aus diesem bisherigen Leben hinaus, um sie vor eine neue Herausforderung zu stellen.

Hier sind die vier Ebenen, die wir unterscheiden wollen:

1. Wo kommt das alte Leben in unserem Leben vor?

2. Welche Schritte führen uns aus diesem alten Leben heraus?

3. Warum gehen wir diese Schritte überhaupt? Was ist unsere Motivation?

4. Welche Herausforderungen liegen vor uns?

1. Wo kommt das alte Leben heute noch vor?

Ich habe schon oft erlebt, wie Leute erzählt haben, wie sie zum Glauben gekommen sind. Besonders eindrucksvoll waren diese Erzählungen, wenn die Leute früher so richtige „Halunken“ waren. Drogendealer, Schwerkriminelle, Mitglieder einer Rockerbande, Leute mit einem tragischen Leben und dergleichen. Manchmal wurden solche Leute auch auf christlichen Veranstaltungen regelrecht herum gereicht, damit sie dort ihre Geschichte erzählen konnten. Und dann haben sie erst erzählt, was sie früher alles gemacht haben und wie krass ihr Leben war und wie kaputt und verloren sie waren. Ja, und dann kam so der Moment, wo sie dann irgendwie Jesus Christus begegnet sind, und ab da war als das, was sie vorher erlebt hatten, das alte Leben. Ab diesem Moment wurde meistens alles ganz anders und irgendwie gut. Heilung, Vergebung, neues Leben. Alles prima.

Ich habe es ja schon angedeutet: Diese einfachen Erzählungen funktionieren zwar in einem sehr begrenzen Rahmen, aber sie sind nicht die ganze Wahrheit. Denn auch ein Christ, der Jesus nachfolgt, ist immer noch derselbe Mensch. Es hat sich etwas verändert, vielleicht sogar schon ganz viel. Aber trotzdem wird man sich ja nicht los. Unser Menschsein werden wir nicht los, unsere Erinnerungen und unsere grundlegenden Charakterzüge. Was wir früher an Denkmustern und Handlungsmustern erlernt haben, das begleitet uns auch nach dem ersten Schritt mit Jesus.

Schon bei den Jüngern Jesu kann man sehen, wie bestimmte Charakterzüge und Denkmuster immer wieder auftauchen.

Nicht nur bei Judas wird das auf tragische Weise deutlich – nein, auch bei den drei engsten Vertrauten von Jesus sieht man es deutlich.  Von Petrus wissen wir ja, dass er den Mund immer etwas zu voll nahm und Jesus am Vorabend der Kreuzigung dreimal verleugnete. Und Jakobus und Johannes wollten einmal Feuer vom Himmel regnen lassen, nur weil ein paar Leute nicht besonders gastfreundlich waren. Thomas war ein leicht zynischer Zweifler, und Paulus neigte manchmal zu etwas extremen Haltungen.

Das ist der eine Aspekt des alten Lebens: Es hört nicht einfach schlagartig auf. Wir werden uns selbst nie ganz los. Wir nehmen uns selbst ja mit in die Nachfolge. Wir haben unser Gepäck dabei. Und vieles davon ist vielleicht auch gut. Aber manches ist vielleicht gar nicht gut, und es taucht immer wieder mal auf.

Und das Zweite ist: Das neue Leben ist keine Instantlösung. Wir sind mit der Bekehrung nicht plötzlich die beste Version unserer selbst geworden, sondern das Leben bleibt ein Prozess. Wir entwickeln uns und wachsen. Das heißt dann aber: Auch viel von dem, was wir gerade auf den ersten Schritten als Christen erleben, verändert sich noch. Es ist noch im Wachstum, oft eben noch nicht so, wie wir es gerne hätten. Und vielleicht ist sogar das, was wir gerne hätten, gar noch nicht so richtig zu Ende gedacht. Drei Schritte vor und zwei zurück. Auch das neue Leben wird im Laufe der Zeit zum alten Leben. Christus ruft uns aber immer aus dem alten Leben heraus. Das kann heißen: Auch bei Christen, die schon lange im Glauben stehen, spricht Gott in unser altes Leben. Vielleicht trifft es uns nach 10 oder 15 Jahren Gemeinde und Christsein auf einmal ganz neu, und du merkst: Ganz viele Dinge in diesen 10 – 15 Jahren gehören zu meinem alten Leben, und ich kann es nicht festhalten. Ich muss auch aus diesem alten Leben heraus gehen, wo ich schon mein christliches Etikett drauf geklebt hatte. Wo ich schon gedacht hatte, ich bin auf der Zielgeraden. Und Jesus zeigt mir: Stop – Du läufst gerade an ein paar Stellen in die falsche Richtung.

Vielleicht sind das die schwierigsten Momente im Leben als Christ, wenn du der Tatsache ins Gesicht sehen muss, dass du auch als Nachfolgerin oder als Nachfolger Jesu in die Irre gehen kannst, und dass du korrekturbedürftig bleibst bis ans Ende deines irdischen Lebens.

Das sind also die Aspekte von Nachfolge auf der Ebene des alten Lebens: Erstens: Wir werden uns selbst nie ganz los – und zweitens: Auch das neue Leben kann zum alten Leben werden.  Unser Leben ist nie nur Status Quo, sondern immer ein Werden. 

Kommen wir nun zur zweiten Ebene. Und nicht vergessen: Diese verschiedenen Ebenen passieren nicht einfach hintereinander, sondern sie greifen ineinander und passieren oft zur gleichen Zeit.

Die zweite Ebene von Nachfolge ist der bewusste Schritt aus dem alten Leben hinaus.

2. Welche Schritte führen aus dem alten Leben hinaus?

In der Bibel klingt alles so einfach: Petrus und Andreas ließen alles stehen und liegen und folgten Jesus nach. Matthäus ließ alles stehen und liegen und folgte Jesus nach. Dem Paulus fiel es wie Schuppen von den Augen, und er war in einem Moment auf der richtigen Spur.

Geht es in der Bibel um radikale Veränderung? Ja, durchaus. 

Aber jetzt würde ich mal behaupten: Die wenigsten von uns haben ein Fischerboot auf dem See Genezareth gehabt oder ein Zollhaus in Kapernaum, und die wenigsten von uns waren als religiöse Extremisten damit beschäftigt, Christen zu verfolgen. Wir hören und lesen davon, wie andere solche radikalen Umbrüche erlebt haben, aber finden wir das in unserem eigenen Leben genau so wieder? Nur selten. Das gibt es immer wieder, aber es ist nicht die selbstverständliche Regel. Wenn wir mal genauer hinschauen, dann gibt es in der Bibel auch andere Perspektiven: Die Umkehr, den Sinneswandel, die Metamorphose. In vielen Bibeln steht dort das missverständliche Wort „Buße“. Griechisch heißt es „metanoia“ – das hat nichts mit Strafe zu tun oder mit Bußgeldbescheiden (weil man falsch geparkt hat). Nein, „metanoia“ heißt eigentlich: Ein Umdenken. Ein Blickwechsel. Ein Sinneswandel. Sinneswandel geschehen nicht unvermittelt. Es ist ja nicht so, dass ich heute denke: „Jazzmusik ist total genial.“ Und morgen wache ich auf und denke: „Alles Blödsinn – ich finde die Kastelruther Spatzen viel besser.“

Nachfolge ist Sinneswandel, ist Buße. Das ist übrigens die erste der 95 Thesen von Martin Luther, die ein Auslöser der Reformation waren: Luther schrieb: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“ usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“  Das ganze Leben. Es geht gerade nicht nur um einen einzigen, radikalen Einschnitt, sondern um eine dauerhafte Lebenshaltung. Eine beständige Entwicklung.

Wer in den letzten Jahren mal ein wenig die fromme Szene verfolgt hat, der kommt an einem Schlagwort nicht vorbei, dass überall die Runde gemacht hat: Die „Dekonstruktion“ des Glaubens. Dabei geht es gerade nicht um Atheisten, die ihre altes Leben ohne Gott hinter sich lassen und anfangen, als Christen zu leben. Sondern es geht im Gegenteil um Menschen, die vielleicht schon lange als Christen unterwegs sind, und die aus ganz unterschiedlichen Gründen anfangen, ihren bisherigen Glauben zu hinterfragen. Manche finden das ganz toll und andere warnen davor. Manche sehen in den Zweifeln eine ehrliche Suche nach dem Kern des Glaubens, und andere sehen in den Zweifeln eine Anfechtung Satans und einen gefährlichen Irrweg. Wer mich ein bisschen kennt, der weiß, dass ich damit relativ entspannt umgehe. Denn am Ende geht es um eine Suche nach Wahrheit, und die Wahrheit macht bekanntlich frei (zumindest hat Jesus das gesagt).

Das gibt es also auch im christlichen Leben, dass man auf einmal zurückblickt und sagt: Auch ein Großteil meines Lebens als Christ ist altes Leben, und irgendetwas daran war nicht richtig und nicht wahrhaftig. Ich muss umdenken. Ich brauche einen Sinneswandel. Kurz: Ich muss Buße tun.

Willkommen bei Luther! Denn unser ganzes Leben sollte ja eine einzige Buße sein. Die „Dekonstruktion“ ist eigentlich etwas, was im Kern der Nachfolge Jesu steht.

Wer Jesus nachfolgt, wird herausgefordert, sein bisheriges Denken auf Herz und Nieren zu prüfen. Und manchmal bedeutet das auch, dass man das alte Leben hinter sich lässt. Das hat Jesus in dem Bibeltext von vorhin ja sehr deutlich auf den Punkt gebracht: Nachfolge bricht manchmal mit gesellschaftlichen Konventionen, sie lässt sich nich von anderen Menschen in ein Schema pressen, und sie erfordert eine Ausrichtung auf den Weg, der vor einem liegt. 

Normalerweise legen wir diesen Maßstab nur an Menschen an, die noch keine Christen sind. „Ja – die müssen sich natürlich ändern.“ Aber legen wir diesen Maßstab auch an uns an, wenn wir bereits gläubige Christen sind? Dann fangen wir an, nervös auf unserem Stuhl herum zu rutschen. Wir winden uns und zögern, weil wir ahnen, dass wir diese Herausforderung ein ganzes Leben lang nie mehr los werden.

Jesus nachfolgen bedeutet, immer wieder mal sein altes Leben auf den Prüfstand zu stellen.

Aber keine Angst: Dekonstruktion bedeutet ja nicht, dass man immer alles total in Frage stellen muss. Es bedeutet erst recht nicht, alles gleich kaputt zu machen. Das wäre ja eine „Destruktion“, eine Zerstörung. Ich rede aber von „Dekonstruktion“. Das heißt: Etwas vorsichtig in seine Einzelteile zerlegen, wie wenn man einmal im Jahr das Auto zur Inspektion bringt. Dort wird es gereinigt und kaputte Teile austauscht. Manches muss dazu vielleicht zerlegt werden.

Das erfordert eine ganze Menge Demut. Es erfordert die Demut einzugestehen, dass niemand von uns perfekt ist – dass ich nicht perfekt bin. Dass ich Korrektur brauche, und dass ich das nicht alleine tun kann. Manchmal geraten wir auch als Christen in Lebensentwürfe hinein, die ungesund sind. Die für uns selbst oder für andere Menschen Schaden anrichten. Das gab es in der Geschichte der christlichen Gemeinde schon von Anfang an. Die meisten Bücher im zweiten Teil der Bibel beschäftigen sich auch mit solchen konkreten Problemen innerhalb der ersten Gemeinden, und sie versuchen, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren. Aber auch in der ganzen Kirchengeschichte kommen Fehlentwicklungen vor. Auch die Reformatoren haben nach unserer heutigen Kenntnis eine Menge Fehler gemacht. Und auch wir heute machen eine Menge Fehler. Das erfordert Demut, sich das einzugestehen.

Dieses Bild mit dem Auto war jetzt ein sehr technisches Bild. Aber unsere geistliche Entwicklung ist ja zutiefst eine Beziehung zu Christus. Man kann den Glauben nicht zusammenbauen wie eine Maschine, sondern Glaube muss wachsen in einer lebendigen Beziehung. 

Wer Jesus nachfolgt, ist nicht fertig und am Ziel seines Lebens angekommen, sondern er hat sich dem anvertraut, der ihm den richtigen Weg zeigt, der selbst der Weg ist und selbst das Ziel ist.

Damit sind wir bei der dritten Ebene:

3. Warum gehen wir diese Schritte überhaupt? Was ist unsere Motivation?

Wir sehen spätestens jetzt: Oha, das ist alles sehr komplex und gar nicht so einfach. Muss das denn alles sein? Ich meine: Wer tut sich so etwas denn freiwillig an? – Nun, die Antwort darauf ist: Eigentlich niemand. Nicht wirklich. Für die wenigsten Menschen ist Nachfolge etwas, wo sie von selbst drauf gekommen wären. Ganz im Gegenteil: Die Sachen, die Jesus damals gesagt hat, waren teilweise so krass, dass ganze Gruppen von Menschen sich auch wieder von ihm abgewendet haben. Nein – Nachfolge Jesu ist etwas sehr Seltsames. Man geht da nicht einfach rein, weil man gerade nichts Besseres zu tun hat und denkt: Och, das könnte ich auch nochmal ausprobieren. So ist es nicht.

Die meisten Christen erleben den Schritt in die Nachfolge vielmehr als einen inneren Drang. Man könnte auch sagen, als ein Bedürfnis. Eine Notwendigkeit. Als Antwort auf eine unwiderstehliche Frage. Die 12 engsten Jünger von Jesus zeichneten sich alle dadurch aus, dass sie von ihm selbst berufen worden waren, Jünger zu sein. Sie hatten alle eine Begegnung mit ihm gehabt, ein Erlebnis, das sie unausweichlich getroffen hatte. Wenn wir jetzt mal in die Evangelientexte reinschauen, dann finden wir auch ganz schnell so besondere Erlebnisse. Natürlich der wundersame Fischfang des Petrus und die Berufung zum Menschenfischer. Oder dass Jesus ausgerechnet einen Zöllner aufforderte, ihm nachzufolgen. Und auch die andern Jünger hatten sicher ähnliche besondere Dinge erlebt. Manchmal reichte es schon aus, nur diesem Mann aus Nazareth zu begegnen, um von ihm unwiderruflich fasziniert zu sein.

Das Besondere bei Jesus war jedoch, dass diese Erlebnisse nach seiner Kreuzigung nicht aufhörten. Die Erscheinung des Auferstandenen war für die ersten Christen der entscheidende Dreh- und Angelpunkt für ihre Überzeugung und ihre Motivation.

Wie sieht diese dritte Ebene bei uns aus? Jüngerschaft bekommt ihre Kraft und Motivation immer aus dieser lebendigen Beziehung mit Christus. Christen sind vor allem dann authentisch, wenn sie „etwas erlebt haben“ mit Christus. Wir glauben nicht aus traditionellen Gründen an einen Gott, oder weil wir von den Lehren der Kirche überzeugt sind, sondern dieser Gott spielt in unserem Leben die Hauptrolle. Wir folgen Jesus nicht nur, weil wir seine Lehren und Ideen toll finden, sondern weil er uns mit seiner Liebe berührt hat.

Jesus sagte einmal zu seinen Jüngern: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt. Er ruft Menschen in seine Nachfolge, so wie auch in unserem Bibeltext: „Kommt her zu mir.“

Jetzt ist die Frage: Wie erleben wir diesen Ruf? Es ist ja nicht so, dass wir da unbedingt eine Stimme vom Himmel hören (obwohl es das in Einzelfällen tatsächlich auch schon gegeben hat). Meistens passiert es anders. Oft ist es wie ein schicksalhaftes Ereignis. „Es passiert“ mit uns. Wir erleben vielleicht eine Krise, in der sich ganz neue Lebensfragen stellen. Übrigens: So bedrohlich die derzeitige Epidemie auch ist: Ich glaube, dass sie uns auch dazu bringt, dass wir wieder etwas nüchterner werden und wieder anfangen, über die wichtigeren Fragen nachzudenken. In all dem Chaos auf der Welt zwingt uns eine Krise oft dazu, dass wir anfangen uns auf das Wichtigere im Leben zu konzentrieren.

Das muss natürlich keine Krankheit sein oder eine Krise. Es kann auch ein sehr positives Ereignis sein. Die Geburt eines Kindes. Eine Hochzeit. Ein eindrucksvolles Naturerlebnis. Und wir sind ergriffen und überwältigt und betroffen, und wir spüren, dass unser Leben einen tiefen Sinn hat, und wir machen uns auf die Suche nach diesem Sinn. Und dann spüren wir: Dieser Mann Jesus von Nazareth, der ist es.

Das war die dritte Ebene: Warum eigentlich? Kommen wir nun zur vierten und letzten Ebene:

4. Welche Herausforderungen liegen vor uns?

Das sagt Jesus: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir. Nehm die sanfte Last auf euch.   Ist das eine Herausforderung? Das Wort „Joch“ hat für viele einen negativen Klang. Auch die Bibel kennt ja zum Beispiel das „Joch der Sklaverei“, von dem Gott sein Volk ausdrücklich befreit hat. Aber so ist das hier definitiv nicht gemeint. Jesus ruft Menschen in seine Nachfolge, und das tut er als jüdischer Rabbi, also als geistlicher Lehrer. Das Wort „Joch“ hatte für die Schüler eines Rabbis eine tiefe Bedeutung. Wenn damals ein Mensch Schüler eines Rabbis wurde, dann sprach man davon, dass dieser Schüler das „Joch des Rabbis“ auf sich nahm. Er erklärte sich bereit, der Lehre dieses Rabbis zu folgen und ihn durch sein Verhalten zu ehren. Wenn Jesus also sagt: Nehm mein Joch auf euch, dann ist das eine Einladung, ihm nachzufolgen und ihn als geistlichen Lehrer anzuerkennen.

Diese Herausforderung ist groß – und gleichzeitig bringt Jesus hier zum Ausdruck, dass seine Nachfolge eben kein drückendes, schweres Joch ist, sondern ein Leben, in dem unsere Seelen zur Ruhe finden.

Nachfolge bedeutet gewiss nicht, es sich auf einer himmlischen Couch gemütlich zu machen. Aber Nachfolge führt uns in ein Leben, in dem unsere Seelen eine Mitte finden. Diese innere Mitte ist das Leben, zu dem Gott uns eigentlich geschaffen hat. Es ist das, was manche christliche Lehrer das „wahre Selbst“ nennen. Unsere tiefste Bestimmung und unser individueller von Gott gegebener Lebenssinn. Jesus sagt, dass wir dieses „wahre Selbst“ nicht durch Selbstversenkung finden, sondern in seiner Nachfolge. 

Einige dieser Herausforderungen beschreibt Jesus in seinen Worten. Wer sich auf ein solches Leben einlässt, der wird beständig aus dem alten Leben heraus bewegt. Das kann sich anfühlen wie eine Art Heimatlosigkeit, dass man sich immer ein wenig vorkommt, als würde man zwischen den Stühlen sitzen. Die Füchse haben Gruben und die Vögel Nester. Aber in der Nachfolge Jesu ist das alles nicht entscheidend. Oder sagen wir es mal etwas anders: Als Nachfolger Jesu sagst du ja zu einem Lebensstil kontinuierlicher Veränderung und Bewegung. Es ist ein beständiger Weg gleichzeitig nach innen und nach außen. Nach innen in die Tiefe unserer Seele. Und nach außen in einem Leben, das in der Liebe verwurzelt ist und darum Liebe praktisch werden lässt gegen alle Menschen. Dieses Leben erfordert Aufmerksamkeit und Hingabe. Es ist nichts, was man auch nebenher machen kann. Nachfolge ist – wenn es drauf ankommt –  immer der Faktor, der das Leben eines Christen am stärksten beeinflusst.

Auch das leichte Joch ist ein Joch. Ein Joch ist ein Zuggeschirr, mit dem man es Zugtieren ermöglichte, ihre Kraft so gut wie irgend möglich einzusetzen, um ihre Arbeit überhaupt tun zu können. Das heißt: Nachfolge ist auch die Bereitschaft, mein Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Mich von ihm leiten zu lassen. Das bedeutet, die Liebe Jesu zu meinem Leitmotiv zu machen in allen Entscheidungen und in allen meinen Taten.

So wie ich vorhin von Dekonstruktion gesprochen habe, müssen wir hier von einer Neukonstruktion reden. Das neue Leben ist nicht einfach plötzlich da, sondern es will ja gelebt werden. Das erfordert Übung, Geduld, Beständigkeit, Ausdauer, Tatkraft, Willenskraft. Aber auch Gnade mit sich selbst und anderen. Stolpern und Aufstehen. Immer neu ausrichten. Weiter machen. Weiter glauben. Weiter hoffen. Weiter lieben.

Zum Weiter Nachdenken: Auf welcher Ebene haben wir gerade am meisten zu tun? Was fällt uns leicht? Was macht uns Mühe?

Ebene 1: Wenn wir das alte Leben nicht einfach los werden? Wenn uns das Alte weiter verfolgt und beeinflusst?

Ebene 2: Wenn wir konkrete Schritte aus dem alten Leben heraus gehen? Wenn wir „Dekonstruktion“ erleben (und vielleicht erleiden)?

Ebene 3: Wenn wir nach der richtigen Motivation fragen und wenn uns der Ruf Jesu in die Nachfolge (wieder neu) trifft?

Ebene 4: Wenn wir das neue Leben einüben müssen in Ausdauer und beständiger Liebe?

Wie gesagt: Diese Ebenen kann man gar nicht scharf voneinander abgrenzen. Oft passieren sie zeitgleich und gehen Hand in Hand. Trotzdem ist es gut sich darüber klar zu sein, an welchem Punkt der Nachfolge wir konkret weiter machen sollten.

Lasst uns das als „Hausaufgabe“ mitnehmen in die nächste Woche. Dass wir Gott um seine Hilfe bitten an einem konkreten Punkt, wo wir es gerade nicht so leicht finden. Und dass wir es erleben, wie Jesus uns die schwere Last von den Schultern nimmt und uns sein „sanftes“ Joch anbietet.

Sein Friede sei mit uns! Amen!